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Prolog:
Rolf Schmidt
ist seit 1978 Mitglied bei den im Jahr 1903 gegründeten Schachfreunden, der Fragensteller Dr. Lars Hein ist seit 1985 dabei. Sie sind die beiden dienstältesten aktiven Mitglieder des Vereins. Sofern im Interview zunächst von den Schachfreunden Neukölln die Rede ist, erklärt sich dies wie folgt: Der Verein zog 2005 in den Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg um und gab sich seinen aktuellen Namen „Schachfreunde Berlin 1903“.

Als ich dreizehnjährig zu den Schachfreunden Neukölln kam, weil mich der damalige Jugendwart auf einem Schulschachturnier ansprach, trug mein Mitgliedsausweis auf hellgrünem Karton Deine Unterschrift als Vereinsvorsitzender zu einem monatlichen Vereinsbeitrag von 2,- DM. Wie würdest Du unseren Schachverein, der seitdem 32 Jahre älter geworden ist, rückblickend auf das Jahr 1985 beschreiben?

Dass sich der Verein im Jahre 1985 in einem beklagenswerten Zustand befand, mag allein schon dadurch belegt sein, dass jemand wie ich im Jahr zuvor zum Vorsitzenden gewählt worden war (bzw.: bereit gewesen war, sich zum Vorsitzenden wählen zu lassen...).

Als ich selbst im Herbst 1978 beitrat, hieß der Vorsitzende noch Werner Baranowsky und dem Verein ging es gut. Dies änderte sich zu Beginn der 80er Jahre unter seinem Nachfolger, dessen Namen ich hier nicht nennen will. In einer stürmischen Vollversammlung nach einjähriger Amtszeit musste zur Kenntnis genommen werden, dass an die 1.500,- DM beleglos aus der Vereinskasse verschwunden waren. Darzulegen, warum der Vorstand seinerzeit trotzdem mit knapper Mehrheit entlastet wurde, würde hier zu weit führen.

Jedenfalls - die Folgen dieser Entscheidung waren verheerend. Neben der damit eingetretenen finanziellen Schieflage des Vereins wanderten etliche Gegner der Entlastung spontan ab. Es kam zu einer regelrechten Austrittswelle, die weder Aleksandar Pantelic, der nachfolgende Vorsitzende, noch Jürgen Trotier, mein unmittelbarer Vorgänger, stoppen konnten. Das gemütliche Spiellokal in der Sonnenallee konnte nicht mehr gehalten werden.

Immerhin gelang es Jürgen Trotier nach Verhandlungen mit dem Bezirksamt Neukölln, uns mit den Räumen in der Kirchgasse am Richardplatz ein neues Domizil zu sichern. Als er dann Anfang 1984 aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat, hatte der Verein inzwischen weniger als 15 Mitglieder.

Die Frage: Auflösung des Vereins oder – irgendwie – Weitermachen wurde somit zum beherrschenden Thema der nachfolgenden Jahreshauptversammlung, zu der sich acht Unentwegte einfanden. Es waren schließlich im Wesentlichen Knut Andersen, Detlev Döll und meine Wenigkeit, die sich bereit erklärten, Verantwortung zu übernehmen und den Verein am Leben zu erhalten.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie es wohl hätte weiter gehen können, wäre nicht etwa ein halbes Jahr später der Messias erschienen. Ein junger tatkräftiger Mann, aus Marbach am Neckar nach Berlin verzogen, suchte einen ihm genehmen Verein und ein Betätigungsfeld. Wohl mein größter Verdienst: Ihn für unseren Verein gewonnen zu haben. Rainer Dambach hauchte uns wieder Leben ein, sorgte zunächst als Jugendwart für erheblichen Mitgliederzuwachs und ein Jahr später konnte ich den Vorsitz vertrauensvoll (und erleichtert) in seine Hände übergeben. Das Weitere ist bekannt: Unser märchenhafter Aufstieg zum führenden Verein in Berlin und einem der erfolgreichsten in Deutschland ist untrennbar mit seinem Namen verbunden.

Wie habt ihr damals das Vereinsleben organisiert? Als ich dazu stieß gab es zwei wöchentliche Vereinsabende; aber habt ihr Schach richtig "trainiert", gab es Meisterschaften und Turniere, hatten wir als Verein in der West-Berliner Insellage befreundete Vereine außerhalb der Stadtmauer?

Das Vereinsleben gegen Ende der 70er und noch in den 80er Jahren war alles in allem etwas gemütlicher. Blitzschach spielte noch keine ganz so große Rolle, Rapid war noch keine Disziplin, und es gab noch Hängepartien, die Tage später fortgesetzt wurden. Die gemeinsame Analyse von Hängepartiestellungen aus Mannschaftskämpfen hatte einen hohen Stellenwert und sorgte durch die Interaktion für größeren Zusammenhalt innerhalb der Spielergemeinde. Eigentlich schade, dass so etwas durch die Computer obsolet geworden ist.

Darüber hinaus: die jährliche Vereinsmeisterschaft, in zwei bis drei Gruppen als Rundenturnier mit Auf- und Abstieg durchgeführt und die Pokalmeisterschaft. Die Namen der Sieger wurden auf eine Ehrentafel graviert; eine aus dieser Zeit müsste sich heute noch im Besitz des Vereins befinden. Daneben wurden auch freie Partien, ohne Uhr, gespielt – heute kaum noch anzutreffen.

Rolf Schmidt (Bildmitte), links von ihm Kurt Schläppi,  einer der maßgeblichen Organisatoren der Endrunde
Rolf Schmidt (Bildmitte), links von ihm Kurt Schläppi, einer der maßgeblichen Organisatoren der Endrunde

Es wurde geraucht! Neben jedem Brett stand ein Aschenbecher, im Winter kam es zu munteren Diskussionen über die Frage: Lüften? Wie lange? Jetzt wird es aber kalt hier!

Und hinter dem Tresen im Spiellokal in der Sonnenallee stand meist Edmund Morell und fragte jeden, der sich ein Getränk holen wollte, ob nicht auch ein Schnäpschen genehm sei. Umsatz für die Vereinskasse!

Training oder Unterricht gab es für die Kinder und Jugendlichen, ansonsten werkelte jeder im eigenen Kämmerlein selbst vor sich hin, mit dem Schach-Informator als Hauptquelle.

Freundschaftliche Kontakte zu Vereinen aus Westdeutschland? Vor meiner Zeit muss es intensiveren Austausch mit einem Schachclub aus Pinneberg bei Hamburg gegeben haben. Ich erinnere mich, dass von Besuch und Gegenbesuch berichtet wurde. Ich selbst habe die Visite von Schachspielern von Turm Kamp-Lintfort aus NRW bei uns erlebt. Es war damals nicht unüblich, dass Schachvereine gemeinsam Berlin besuchten und dies mit einem Freundschaftskampf gegen einen Berliner Verein (und anschließendem Zechgelage) verbanden.

Und dann kamen die Kinder und Jugendlichen und brachten in diese West-Berliner Gemütlichkeit Unruhe. Sie beriefen Jugendversammlungen ein, wurden Berliner und Deutscher Meister und beantragten im Verein ein flächendeckendes Rauchverbot. Kratzte dieser Schwung am Wohlbefinden der nachtschwärmenden Neuköllner Altmeister?

Ach was, wir waren doch froh, dass wieder Leben im Verein herrschte und dass es aufwärts ging.

Das waren ja auch alles nette Jungs, die uns, im Allgemeinen, den gebührenden Respekt entgegenbrachten. Im Übrigen: viele von uns gehörten zu einer Generation, die in der Vergangenheit gegen das Establishment und Spießigkeit aufbegehrt hatte. Insofern betrachteten wir ein gewisses Maß an Aufmüpfigkeit immer auch mit Sympathie.

Gut, es gab ein paar spezielle Fälle. Aber wenn man Lutz Hofmann's freundliche Angebote wie: „Soll ick euch allen mal ins Ohr rülpsen?“ dankend ablehnte, gab er ja auch schnell wieder Ruhe. Nur als sich dann ein anderer Jugendlicher als Heino-Fan outete, prallte man wirklich entsetzt zurück. Im ersten Schock wurde tatsächlich von einigen erwogen, ob das nicht irgendwie einen Vereinsausschluss rechtfertigen könnte.

Das Nachtschwärmen war von alledem ohnehin nicht betroffen. Wenn die Kinder im Bettchen lagen, zog die Crew noch in's Corner in der Mainzer Straße oder zu Pasquale in die Pizzeria. Und was das Rauchverbot angeht: Panta rhei, das lag so oder so in der Luft und wurde dann ja auch bald allgemeine Vorschrift. Die Zeit lässt sich nun mal nicht aufhalten, auch wenn das manchmal etwas lästige Konsequenzen hat.

Nun gut, wenn nach den geschilderten Turbulenzen der frühen achtziger Jahre einige Jahre später Ohrenrülpser und Heinomusik schon zu Vorstandsthemen geworden waren, klingt das ja richtig nach Entspannung. Worüber berichteten die Vereinszeitschriften 64 ½ und später auch der Infomann denn sonst noch? Nahmen die Neuköllner fleißig an Turnieren teil? Ich erinnere mich an diverse Reiseüberlegungen aus der Zeit?

Korrektur: Der Name der Vereinszeitschrift lautete '65 (…immer ein Feld voraus)'

Gegründet wurde sie 1985 von Frank Weiß, Christian Winterhalter und Ingo Amendt. Ende der 80er Jahre übernahmen dann Roland Ricken und ich die Redaktion. Anfangs beschränkten sich die Artikel auf Berichte zu Vereinsturnieren und Mannschaftskämpfen mit kommentierten Partien, halt das Übliche. Später kamen dann Anekdoten, Humoresken und Reiseberichte dazu, zum Schluss gab es gar eine abgefahrene Science-Fiction-Serie ('Die Schachmutanten'), die allerdings nie zu Ende geführt wurde. Wir schafften ja auch immer nur zwei Ausgaben pro Jahr...

Turniere und Reisen – der Open-Boom, der es den Spielern heute erlaubt, quasi jede Woche irgendwo ein Turnier zu spielen, begann damals erst, der Terminkalender war noch nicht so voll.

In Berlin gab es natürlich seit 1984 den 'Berliner Sommer', und in West-Deutschland ging es auch so langsam los. Einige heute noch bestehende 'Traditionsopen' wurden damals aus der Taufe gehoben. Wer die Zeit dazu hatte, nahm diese Gelegenheiten natürlich gerne wahr.

Ich erinnere mich an eine Fahrt zu einem Open in Altensteig im Schwarzwald. Roland Ricken und ich hatten die Aufgabe, neben unserer Turnierteilnahme 4 Jugendliche zu betreuen, die Spielpraxis vor der DJEM bekommen sollten. Zum Glück kamen die 4 ganz gut alleine zurecht...

Hinzu kam, dass die politische Entwicklung der späten 80er Jahre, Stichwort Gorbi, neue und interessante Möglichkeiten eröffnete. Es wurde einfacher, Turniere in Prag oder Budapest zu spielen, wohin bald Abordnungen von uns pilgerten. Und Rainer Dambach hatte erkannt, dass sich im Umfeld hervorragend Kontakte knüpfen und Beziehungen herstellen ließen.

Als wir 1988 in Prag mitspielten, verhandelte er schon kurze Zeit nach Turnierbeginn intensiv mit IM Wladislaw Fedorow, der die sowjetische 'Delegation' anführte. Ergebnis: Einladung für 5 russische Spieler zum nächsten Berliner Sommer bei Verabredung eines Gegenbesuchs von 5 Neuköllnern im Jahr darauf in Moskau. Wäre ich ohne Rainer jemals nach Moskau gekommen? Wer weiß...

Ja, an Moskau 1991 kann ich mich auch noch gut erinnern, was allerdings schon die zweite Delegation der Schachfreunde und zudem eine reine Jungendtruppe ohne Erwachsene war. Wir sind einen Tag zu früh in der russischen Hauptstadt angekommen und haben die erste Nacht in der deutschen Botschaft in Moskau verbracht und hatte dann einige sensationelle Tage im russischen Olympiastützpunkt und konnte die Besetzung des Präsidentenpalastes und die Millionendemos am Roten Platz live mitverfolgen. Die Bahnrückfahrt über Kiev und Prag dauerte 54 Stunden...

Aber zurück zum Vereinsgeschehen: Du hattest die DVJM angesprochen und die Fahrdienste Deiner Generation für uns Küken. Ohne Euch hätten wir in der Jugendoberliga die Auswärtsspiele in Hamburg (wo wir auch ständig zu Schnellturnieren unterwegs waren) und Bremen gar nicht bewältigen können. Und ohne die Fanunterstützung wären wir auch in Hannover 1989 und Wattenscheid 1990 nicht Deutscher Vereinsjugendmannschaftsmeister geworden, oder? Und fehlt in deiner Beschreibung nicht noch der Jugendwart, der mit Engelsgeduld nicht nur Nachhilfe in Mathe und Physik gab, sondern auch als "Mädchen für Alles" stets im Einsatz für die Schachfreunde war?

Es fehlen in meiner Beschreibung eine ganze Menge Leute, die sich auf die eine oder andere Weise mit eingebracht und zum Aufschwung des Vereins beigetragen haben. Natürlich verdient Thomas Zinke als langjähriger Jugendwart Erwähnung, ebenso wie Thomas Fuchs, der (gefühlt einige Jahrzehnte lang) die Vereinskasse in Ordnung hielt. Alle anderen mögen mir verzeihen; eine weitere Aneinanderreihung von Namen ist hier sicher nicht von so großem Interesse.

Die Fahrdienste verteilten sich zum Glück auf verschiedene Köpfe, meist konnte man hier ja auch das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, soweit man in den anzufahrenden Städten Freunde und Bekannte hatte. Inwieweit die Fanunterstützung zu den Erfolgen beigetragen hat, will ich nicht beurteilen. An Wattenscheid 1990 [Anmerkung d. Red.: DVJMM – Verteidigung des im Vorjahr errungenen Meistertitels unserer Jugendmannschaft!] kann ich mich noch gut erinnern, meine damalige Freundin lebte in Essen, und ich brachte sie zum Turnierbesuch mit. Das war nicht ungefährlich, denn Rainer Dambach war ja auch ein großer Charmeur und zeigte schnell ein gewisses Interesse an ihr. Beim zweiten Mal kam ich dann doch lieber allein...